Zweites Bedheimer Kamingespräch

 

Kamingespräch2 titelSELBSTBAUENDE LANDBEVÖLKERUNG, LASST EUCH BERATEN UND UNTERSTÜTZEN!

Nehmt das Wissen und Können der Architekten an. Und Architekten, seid euch nicht zu schade für DIY-Anleitungen und Beratungen selbst im kleinsten Maßstab, heißt es im 4. Aufruf der Bedheimer Erklärung, die bei den 1. Bedheimer Kamingesprächen im Herbst 2015 unter knapp 30 Bau- und Landexperten diskutiert wurde.

Diesem Aufruf widmete sich das zweite Bedheimer Kamingespräch.

Warum den Selbstbau in einem hochentwickelten Industrieland wie Deutschland thematisieren? Und das zu einer Zeit, in der digital gesteuerte CNC-Fräsen ganze Häuser vorfabrizieren?

Die Antwort lautet: Die ländliche Bevölkerung baut selbst. Am eigenen Haus zu bauen, ist ein wesentlicher und nicht wegzudenkender Teil des Selbstverständnisses von Eigenheimbesitzern, ob sie nun einen Neubau errichten oder das geerbte Haus in der Dorfmitte umbauen. Selber zu bauen ist nicht nur kostengünstiger, sondern für viele Bauherren auch befriedigend. Das Internet ist voll von Anleitungen zum Selbstbau. Die Baumärkte sind samstags überfüllt mit Eigenheimbauern. Die zum Einsatz kommenden Baumethoden und -materialien sind nur in den wenigsten Fällen ökologisch und die Ergebnisse wenig qualitätvoll. Do-it-yourself-Projekte, die sich der herkömmlichen Bau-industrie gegenüber kritisch verhalten, sind eher ein städtisches Phänomen. Was können ländliche Selbstbauer hiervon lernen? Könnte Selbstbau dazu anregen, einfacher zu konstruieren? Welche Regularien stehen hier im Weg?

Auch Studierende der Architektur machen zunehmend mehr Erfahrungen mit dem Selbstbau. Das Format des design & build Studios aus der US-amerikanischen Architektenausbildung verbreitet sich mehr und mehr an deutschen Hochschulen. Der Sprung zwischen Entwerfen und Planung einerseits und der anspruchsvollen Realisierung andererseits, war bisher ein wenig beachteter Aspekt der Architektenausbildung. Meistens sind die deutschen design & build Studios sozialen Bauprojekten in Dritte-Welt-Ländern gewidmet. Könnten hier auch Vorzeigeprojekte für die selbstbauende Landbevölkerung in Thüringen entstehen?

In unserem zweiten Bedheimer Kamingesprächen ging es über Motive, Vorteile und Probleme des Selbstbaus. Wir wollten dem Ziel näherkommen, den Selbstbau ökologischer und qualitätvoller zu gestalten und Synergien zwischen den genannten Selbstbausparten finden.

Vorträge

Eine Reihe öffentlicher Vorträge führte in das Thema ein:

  • Einführungsvortrag  Erik van der Werf, Architekt und Schlossbewohner, Bedheim
  • Van Bo Le-Mentzel, Berlin  »Konstruieren statt Konsumieren«
  • Konrad Fischer, Hochstadt a. M.  »Beratung von eigenleistenden Bauherren«
  • Wolfgang Zeh, Köln »Architekt als Selbstbauer«
  • Olga Hungar von raumlaborberlin, Berlin  »Experimentelles Bauen«
  • Peter Grundmann, Berlin »Jüngste Projekte«

Der Einführungsvortrag von dem holländischen Architketen Erik van der Werf über die Selbstbaumentalität der Belgier resümierte, dass Selbstbau von Nicht-Architekten leider keine innovative oder zukunftsweisende Bauten entstehen ließe. Eigenkreativität und Selbstdenken hätten wir verlernt.
Van Bo Le-Mentzel, Erfinder der Hartz 4 Möbel, deren Bauanleitung auf der ganzen Welt kostenlos heruntergeladen werden können, plädierte gerade deswegen für eine selbstbauende Gesellschaft. Denn der Selbstbau führe zur Auseinandersetzung mit der Frage, wie man tatsächlich wohnen und leben wolle und was man dazu brauche: Selbstbau fördert Selbstdenken und hinterfragt Standards.
Olga Hungar von raumlabor Berlin stellte den Selbstbau als Instrument der Kommunikation, Integration und zur Belebung von öffentlichen Plätzen vor: Selbstbau als ein sozialer Akt.
Wolfgang Zeh, Architekt und Selbstbauer auf einer 35 qm großen Baulücke in Köln, fasste das Phänomen folgenderweise zusammen: „Selbstbau braucht Zeit, Spaß am Bauen, Wille zum Lernen und richtiges Werkzeug“.

Diskurs

Nach einem gemeinsamen Landspaziergang durch das Dorf Bedheim mit seinen Selbstbaubeispielen folgte der zweite Teil der Veranstaltung, das eigentliche Kamingespräch mit folgenden Gästen:

  • Florian Aicher, Autor, Leutkirch
  • Peter Grundmann, Architekt und Selbstbauer, Berlin
  • Dina Falbe, Bau-Netz,  Berlin
  • Konrad Fischer, Berater von Selbstbauern, Hochstadt a. Main
  • Olga Hungar, raumlabor, Berlin
  • Cornell Hoppe, Freies Wort, Hildburghausen
  • Frank Jermann, Interessengemeinschaft Bauernhaus e. V., Völzberg
  • Van Bo Le-Metzel, Hartz-IV-Möbel,  Berlin
  • Judith Resch, werkraumarchitektur, Tutzing
  • Hannes Schmidt, Selbstbauender Architekt, Weimar
  • Isabel Strehle, Baurätin, Bayreuth
  • Wolfhard Thomae, Zimmermann, Gleichamberg
  • Hinnerk Utermann, Architekt, Anleiter und Selbstbauer, Berlin
  • Wolfgang Zeh, Architekt und Selbstbauer, Köln

IBA

  • Martha Doehler-Behzadi
  • Tobias Haag
  • Claudia Siebeck

SCHLOSS BEDHEIM

  • Anika Gründer
  • Florian Kirfel-Rühle
  • Nikola van der Werf
  • Erik van der Werf
SCHLUSSFOLGERUNG

Die Beiträge und Diskussionen haben diesmal sehr deutlich gezeigt, dass fast nur durch gute Beispiele und die konsequente Berichterstattung über diese Interessen und damit Aufmerksamkeit geweckt werden kann. Aus dieser Schlussfolgerung werden wir den 2017 auf dem Schlossgelände entstehenden Neubau, der „Neuen Remise“ konsequent selbst bauen und darüber berichten.

Der Freude am Selbstbau und dem zweiten Bedheimer Kamingespräch widmet sich auch die Ausgabe #474 der BaunetzWoche. Das Magazin können Sie sich hier als PDF herunter laden.

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s